Orte
Giesing in Farbe – Ein Stadtteil sprüht
An einem grauen Dezembervormittag in Giesing, während viele noch zuhause sind, ist in den Isarauen unterhalb des Grünwalderstadion schon etwas ganz anderes in Bewegung. Zwischen den leichten Nieselregen und das Rauschen des Auer Mühlbaches mischen sich Musik, Gesprächsfetzen und der unverwechselbare Geruch von frischer Farbe. Wer heute in Richtung des Candidplatzes spazieren geht, merkt schnell: Hier passiert etwas.
Im Laufe des Wochenendes vom 06. bis 07. Dezember 2025 verwandelt sich eine großflächige Wand in der Lohstraße 33 bereits zum zweiten Mal in den Schauplatz eines ungewöhlich lebendigen Kunstprojekts. Initiiert vom Künstler faze.183 und unterstützt vom Verein zur Förderung Urbaner Kunst (VUK), entstand beim GROSSEN GIESING GRAFFITI ein Ort, der Menschen zusammenbringt, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären.
Zwischen Gesprächen, Farbschichten und Identität V
Jugendliche arbeiten an einem großflächigen Motiv mithilfe eines Projektors, gegenüber malen Künstler:innen auf einem Gerüst mit Farbrolle ein Bild und daneben sprüht jemand seinen Namen in aufwendiger bunter Schrift. Ein paar Meter weiter hält ein Mädchen, hält zum ersten Mal eine Spraydose in der Hand und tastet sich vorsichtig an die Wand heran. Neben ihr steht ein älterer Sprüher und teilt seine Tipps und Tricks. Immer wieder bleiben Passant:innen stehen, manche schauen nur kurz, andere bleiben länger, stellen Fragen oder kommen ins Gespräch.
Die Atmosphäre ist offen, fast beiläufig. Es gibt kein klares „Publikum“ und keine feste Grenze zwischen denen, die gestalten, und denen, die zuschauen. Wer möchte, bringt sich ein: mit Fragen, einem Kommentar oder einfach durch Anwesenheit. Für Essen sorgt die Münchner Kneipe Klenze 17, irgendwo wird gelacht, irgendwo diskutiert, und dazwischen entsteht Stück für Stück ein Bild, das den Ort verändert.
Das Ergebnis ist ein vielschichtiges Wandbild, das (lokale) Identität und popkulturelle Bezüge vereint. Große, farbintensive Schriftzüge treffen auf persönliche Tags, aufwendige Pieces und detaillierten Figuren. Dazwischen tauchen auch immer wieder bekannte Bilder auf: ein Phönix, bekannte Comiccharaktere, aber auch klare Bezüge zum Viertel. Besonders präsent sind Motive rund um den TSV 1860 München. Kein Zufall, schließlich thront nur wenige Meter oberhalb der Wand das Grünwalder Stadion und der nahegelegene Candidplatz dient vor den Heimspielen als „Löwentreff“. Die Wand wird zu einer Art Spiegel des Umfelds: Sie zeigt, wer hier unterwegs ist, was die Menschen beschäftigt und womit sie sich identifizieren.
Die Aktion zeigt, wie Graffiti als Ausdrucksform weit über ästhetische Gestaltung hinausreicht: Es schafft Anlässe für Begegnung, ermöglicht Teilhabe und macht sichtbar, wie vielfältig Stadtteilkultur sein kann.
Warum Graffiti mehr ist als Farbe an einer Wand V
Wenn über Graffiti gesprochen wird, geht es schnell um Kriminalität oder Vandalismus; illegal besprühte Züge oder Hausfassaden. Doch urbane Kunst ist mehr als das. Sie ist eine Form, sich Räume anzueignen, nicht durch Abgrenzung, sondern durch Gestaltung. Es wird sichtbar, was sonst wenig Platz findet.
Die Straßen und Wände von Städten sind nicht nur geografische Orte, sondern auch lebendige Bühnen für kulturelle Ausdrucksformen, welche das urbane Ambiente gestalten und gleichzeitig gesellschaftliche Diskurse widerspiegeln. Street Art ist also Teil eines öffentlichen Diskurses und Ausdrucksform verschiedener Subkulturen und wird benutzt, um spezifische Emotionen, Stimmungen oder Erinnerungen hervorzurufen. In den Graffitis spiegeln sich die Geschichten, Zugehörigkeiten und Perspektiven der Stadt.
Gerade in München, wo legale Flächen für Graffiti vergleichsweise selten sind, bekommen solche Projekte eine besondere Bedeutung. Sie eröffnen Räume, die sonst fehlen, und machen sichtbar, wie stark das Bedürfnis nach kreativem Ausdruck im öffentlichen Raum ist.
Raum für Kunst und Raum für Begegnung V
Das Große Giesing Graffiti zeigt einmal mehr, dass Stadt nicht nur geplant und verwaltet wird, sondern im Alltag immer wieder neu entsteht und zwar durch die Menschen, die sie nutzen und gestalten.
Was dieses Wochenende besonders macht, ist nicht nur das entstandene Wandbild, sondern das, was um die Wand herum passiert. Dort, wo sonst Jugendliche am Jugendtreff ihre Zeit verbringen, treffen an diesem Wochenende unterschiedlichste Menschen aufeinander: junge und erfahrene Sprüher:innen, Fußballfans, Nachbarn und Passant*innen. Nebenbei entstehen Gespräche über Farben, Motive, Techniken und darüber, was Graffiti eigentlich bedeutet.
Diese zwei Tagen waren mehr als nur eine künstlerische Aktion um die Stadt zu verschönern - sie haben einen Ort der Begegnung geschaffen, an dem Generationen und Subkulturen miteinander in Kontakt kommen. So wird über Vielfalt an diesem Wochenende in Giesing zwar nicht wortwörtlich diskutiert, aber sie wird spürbar in den Begegnungen und sichtbar in den Farben, Formen und Botschaften an einer Wand mitten im Stadtteil.
Der Verein für Urbane Kunst München (VUK)
Unterstützer der diesjährigen Aktion ist der Verein zur Förderung Urbaner Kunst e.V. (VUK). Der Verein setzt sich seit 2018 dafür ein, urbane Kunstformen in München sichtbar zu machen und ihnen Raum zu geben.
Seine Arbeit reicht von Workshops für Kinder und Jugendliche über die Vermittlung legaler Sprühflächen bis hin zu Projekten, die Street Art als festen Bestandteil der Münchner Stadtkultur verankern sollen. Mit Veranstaltungen wie dem Giesinger Graffiti schafft der VUK Orte, an denen kreative Ausdrucksformen gefördert und Begegnung im öffentlichen Raum ermöglicht wird.
Du willst selbst aktiv werden?
Du möchtest selbst eine Wand gestalten oder suchst legale Flächen?
→ info@verein-urbane-kunst.de
→ https://www.verein-urbane-kunst.de/wandmelder
Bilder & Text:
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